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Sunday, February 1. 2009Abschied vom ProjektMeine Zeit in meinem Projekt ist nun vorbei. An meinem ersten Tag dachte ich, die vier Monate werden nie vergehen, und ganz schnell befand ich mich auf einem Karussell der Begeisterung und Zeit, was sich immer schneller gedreht hat, je mehr es mir gefallen hat. Rückblickend war es eine herrliche positive Erfahrung, die mich sehr geprägt und verändert hat. Dazu gehören alle Hochs- und Tiefs, die ich durchgegangen bin. In meinen letzten Tagen hab ich noch Mosquitonetze angebracht, da es jetzt aufgrund der Regenzeit von Mücken nur so wimmelt. Auch habe ich Kenta, den neuen Freiwilligen aus den USA, der meinen Platz einnimmt (das tut weh) in die Bibliothek eingewiesen und ihm alles erklaert. Mein Cousin hat mich während meines letzten Wochenendes besucht, und zusammen haben wir Schokolade hergestellt und zur Lagune gelaufen. Stellt euch vor, ich hab mich jetzt doch noch getraut in der Lagune zu schwimmen! Und kein Fisch hat mir den Arm abgebissen! Hab mich einfach zu sehr vom Dorfklatsch hinreißen lassen. Ich habe die letzen Tage als besonders intensiv erlebt, besonders die weiche wunderschöne farbige Abendstimmung La Ys. Ich bin froh, da ich Ende Februar nochmals nach La Y gehe, um mich endgültig von allen zu verabschieden. Diesen Freitag gehts mitm Reisen los, ich freu mich so. Ich hab La Y mit sehr gemischten Gefühlen verlassen. Ich werde es sehr vermissen, so viele Freiheiten zu haben, im Subcentro zu arbeiten, mich von meinen lebendigen Kindern beleben zu lassen, und einfach viel Zeit für mich zu haben. Gleichzeitig freue ich mich auf Deutschland, auf meine Familie und Freunde. Ich weiß jetzt, dass ich Medizin studieren will, und kann es kaum erwarten, bis es endlich mit dem Studium losgeht. Genau mit diesem Gefühl wollte ich Südamerika verlassen. Friday, January 23. 2009Übers Essen, Wasser und StromausfälleVor einigen Tagen gab es einen Stromausfall, von dem 70 Prozent Ecuadors und Teile Kolumbiens betroffen war. In den letzten Tagen ist oft das Licht ausgegangen und ich hoffe einfach nur, dass ich diesen Eintrag zu Ende schreiben kann, bevor es wieder alles zusammenkracht. Hier hat nun die Regenzeit begonnen, was das Leben zu einem echten Abenteuer macht, alles braucht nochmals länger. Man kommt überall, auch wenn man nur mal eben die Latrinen benutzten will, nur in Gummistiefeln hin. Das Ausrutschrisiko ist groß, was gleichzeitig mehr Wäsche waschen bedeutet. Es ist alles sehr lustig, ich lerne mich erneut in Geduld. Einige Freunde haben mich besorgt gefragt, wie ich denn so als Vegetarier hier auskomme, deshalb möchte ich endlich mal ein wenig zum Thema Essen schreiben... Mittlerweile esse ich Fisch und Garnelen, weil es einfach sonst zu kompliziert wird. Im Subcentro habe ich kaum Probleme, nur wenn ich auf Reisen oder auf Brigadas bin, kann ich manchmal nur Reis, Ketchup und ein Ei essen. Was ist typisches Essen hier, was gibt es in Deutschland nicht? Oft essen wir Yucca, eine Wurzel, die sehr stärkehaltig ist, und ähnlich wie Kartoffeln gekocht oder frittiert wird. Auch esse ich hier viel Verde, das ist eine andere Bananensorte, die nur gekocht oder frittiert gegessen werden kann. Aus ihr werden Empanadas oder andere Köstlichkeiten, oft in Kombination mit Käse, hergestellt. Auch wird hier anstelle des Weizenmehls in Deutschland Maismehl verwendet, um z.B. mit Käse gefüllte Tortillas zu kochen. Reis esse ich hier teilweise dreimal pro Tag, deshalb trage ich nun ein "bebe de arroz" (mein Reisbäuchlein), macht euch also keine Sorgen das ich hier zu viel Gewicht lasse, ganz im Gegenteil... Eine Sache habe ich vergessen, die Früchte. Es gibt so viele andersartige, riesige Früchte, die ich noch nie gesehen oder geschmeckt habe. Die größte Frucht der Welt wächst bei uns im Nachbargarten, bald werde ich sie probieren dürfen. Sie ist ca. 40 cm lang und 3 Kilo schwer. Die Früchte betreffend bin ich hier im Himmel, herrlich. So viele Formen, Farben und unterschiedliche Geschmäcker... Viele Früchte werden zu Milchshakes, Batidos, verarbeitet. Besonders mag ich Avocadomilchshake. Hier werden oft Sachen kombiniert, die ich niemals für möglich gehalten hätte, wie z.B. frittierte Banane mit Käse. Auch gibt es hier viele unterschiedliche Bohnen, besonders in der Sierra, im Andenhochland. Momentan warte ich in Quininde auf meinen Cousin Leon, der in einer Kleinstadt in der Nähe seinen Zivi ableistet. Hoffendlich bekommen wir die letzte Ranchera noch! Ach ja, ich hab nicht beim Kuhschlachten zu geschaut weil ich aufgrund von Amöben mal wieder Magenprobleme hatte und mit Krämpfen flachlag. Jetzt geht es mir aber schon wieder viel besser;) Mal schauen ob wir das heut Nacht machen. Saturday, January 17. 2009DesillusionHab mir in den letzten Monaten viel Gedanken über die Arbeit, die ich und andere Freiwillige in La Y und in anderen Orten Ecuadors leisten, nachgedacht. Denn teilweise hatte ich das Gefühl, das wir die Leute oft zur Passivität erziehen, oder dazu, einfach zu erwarten, dass wir immer geben, ohne das sie etwas dazu leisten müssen. Dies wird auch noch verstärkt, da die ganzen Medikamente wegen der neuen Verfassung umsonst sind. Wie oft haben wir schon Patienten untersucht, die absolut gesund waren, jedoch unbedingt Medikamente haben wollen, wie z. B. Multivitamine. Wenn ich dann versuche zu erklären, dass es doch viel besser wäre, Gemüse und Obst auf der Farm anzubauen, werd ich oft nur desinteressiert angeschaut. Wie sehr vermisse ich Menschen mit Bildung und Inspiration. Für chronische Krankheiten ist dieses System jedoch hervorragend, weil sich die Menschen sonst die Medikamente nicht leisten könnten. Ich habe zuvor geschrieben, dass ich Englischunterricht geben wollte, auch wenn viele Leute im Dorf begeistert waren, gekommen ist im Endeffekt nur Eine. Ich habe mehrmals versucht die Menschen für ein wenig Englisch oder Computerunterricht zu begeistern, aber irgendwie ist es doch schwieriger, die Leute ein wenig zu bilden, als ich dachte, weil die Bereitschaft und das Interesse fehlt. Die Kinder meiner Bibliothek lernen aber mit Begeisterung die Zahlen und Farben auf Englisch, es ist also doch nicht alles hoffungslos. Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass es sehr gut ist, das die Menschen hier Kontakt zu Ausländern haben, um so in Berührung mit andersartigen Menschen und ihren Kulturen und Gebräuchen so kommen. Fatal ist nur, wenn der Freiwillige ein Helfersyndrom hat und sich für alles verantwortlich fühlt. Wenn ich gefragt werde, ob ich einen Brief am PC verfassen kann, weil die Person nicht weiß wie das geht, halte ich es für falsch, die Arbeit zu unternehmen, viel besser finde ich, der Person beizubringen wie es geht, damit die Person das nächste Mal selbstständig schreiben kann. Das Ziel ist ja, dass das Projekt irgendwann unabhängig ist, und wir in anderen Regionen anpacken können. Hier erfahre ich, wie wichtig und stark die Familienbindungen sind, einer Sache die mir in Deutschland oft fehlt. Ist ein Mädchen schwanger, wird sie immer, entweder von Geschwistern oder von Eltern, unterstützt. Die Familie ist hier das absolut wichtigste. Auch gibt es hier die Hochnäsigkeit, das Überlegenheitsgefühl, über weniger entwickelte Länder, welches man manchmal in Deutschland vorfindet, nicht. Dafür hat man aber kaum herausfordernde und inspirierende Gespräche. Jedes Land hat seine Vor- und Nachteile. Ich wachse sehr daran. Ach, zum Thema Desillusion, ich habe vor vielen Wochen so begeistert davon geschrieben, dass ich unbedingt ein Projekt hier aufbauen will, um den Regenwald zu schützen. Ich habe viel mit den Leuten gesprochen und mir ist immer mehr aufgefallen, dass sie sehr träumerisch an die Sache herangehen. Selbst wenn ich es schaffen würde, durch Spenden oder durch Freiwillige Regenwald zu kaufen, brauche ich tatkräftige Leute vor Ort. Kümmert man sich nicht regelmäßig um ein Stück Land hier, wird es letztendlich von fremden Menschen abgeholzt. Entwicklungshilfe und Naturschutz ist um einiges schwieriger als ich es mir vorgestellt habe. Friday, January 16. 2009Was ich grad so machSo, jetzt hab ich endlich mal wenige ruhige Minuten um zu schreiben. Hatte so viele Gedanken... Nach Weihnachten bin ich nach Cotacachi gereist, um dort die Kraterlagune Cuycoche zu umrunden, die Bilder könnt Ihr bald im Studivz anschauen, wenn Ihr wollt. Über Silvester bin ich mit meiner Familie, also meinem Cousin und seinen Eltern, in die Schmetterlingsstadt Mindo gereist, es war so schön ein wenig Familiensalat in der Ferne zu haben, wie meine Tante so schön gesagt hat. Meine Zeit im Projekt neigt sich dem Ende, was mich einerseits sehr traurig macht, jedoch freue ich mich auch auf die kommenden zwei Monate, in welchen ich reisen werde. Und danach möcht ich mich dem Medizinstudium widmen. Ich habe vor wenigen Tagen einen Patienten, der eine Machetenschnittwunde hatte ganz alleine vernäht, weil kein medizinisches Personal da war. Momentan kehre ich von einem Medizinerkongress zurück, an dem ich in Quito teilgenommen habe. Dieser wurde für die Mediziner veranstaltet, die gerade ihr Landjahr machen, es war sehr spannend aber auch gleichzeitig sehr ermüdend, eine volle Ladung Spanisch und Medizin für vier Tage;) In einer halben Stunde fahren wir mit einer Torte aus Eis, die die wilde Rancherafahrt hoffendlich überstehen wird, nach La Y zurück, um dort heut Abend den Geburtstag von drei Angestellten des Subcentrums zu feiern. Morgen um drei Uhr morgens hätte ich die Möglichkeit dabei zuzuschauen, wie eine Kuh geschlachtet wird, bin mir aber noch nicht so sicher, ob ich mir das wirklich antun werde.... Wednesday, December 24. 2008WeihnachtenDas erste Mal Weihnachten so weit weg von meiner Familie zu verbringen war schon sehr seltsam, da hier aber kaum Weihnachstsstimmung herrschte und wir sommerlich heißes Wetter haben, ist mir kaum aufgefallen, dass es Weihnachten ist. Einige Häusschen in La Y sind mit einer blinkenden Weihnachtsketten beschmückt, und Charo, meine Freundin, die Friseurin La Ys trägt eine Weihnachtsmütze, das wars dann aber auch schon. Zu Weihnachten war ich bei einer Familie eingeladen, die ich in der Praxis kennengelernt habe. Um zu ihrer Finca zu gelangen mussten wir (Yeisica, die Krankenschwester, Joanna und ihre Mutter) erstmal eineinhalb Stunden durch den tiefsten Nebelwald, vorbei an Kakao-und Bananenplantagen und teilweise durch den Fluss warten. Dort angekommen gabs erstmal Abendbrot, das heißt für mich eine riesige Portion Reis. Danach haben wir uns zusammen unter Bananenplantagen draußen geduscht, was etwas schwierig war, weil die Scheinwerfer des Hauses direkt auf uns geleuchtet haben, wir haben also in Unterwäsche geduscht. Danach würde Insektenrepellent als Parfum aufgetragen. Ich hab eine Ameise gesehen die ungelogen ein wenig kleiner wie mein Daumen war. Von 11 bis 1 Uhr morgens wurde aus der Bibel gelesen, da die Familie sehr christlich ist. Zu Besuch waren ungefähr 50 weitere Gäste. Ich vergaß zu erwähnen, dass neben der Musik die ganze Zeit billige quietschende Weihnachtsmusik von dem geschmückten Altar lief, davor stand ein Plastikweihnachtsbaum. Danach haben wir bis um 3.30 morgens getanzt, denn dann gab es Essen, für mich wieder viel Reis;) Um 5 Uhr morgens hab ich mich dann völlig erschöpft in ein Bett gequetscht (ich hoffe ich kann die Fotos bald reinstellen, herrlich dieser Kindersalat) um ein wenig zu schlafen. Als es hell wurde haben wir uns auf den Rückweg gemacht, auf der Tanzfläche wurde immer noch getanzt (es ist hier nicht unüblich bis um 1 Uhr nachmittags des folgenden Tage zu tanzen). Völlig erschöpft von der Rückwanderung haben wir uns um 9 Uhr in La y Frühstück gemacht, um dann fast den ganzen Tag zu schlafen. Es war eine tolle Erfahrung hier das traditionelle Weihnachten kennen zu lernen, freue mich aber schon auf nächstes Jahr, wenn ich dieses Fest mit meiner Familie verbringen kann, mit einem echten Weihnachtsbaum und vielleicht mit etwas Schnee. Wünsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr! Sunday, December 21. 2008Fiesta Fiesta FiestaMomentan befinde ich mich in einer Fiesta Zeit. Fiesta vorgestern, gestern und heute auch, herrlich. Die erste Fiesta war die des Subcentros für die Vigilanten und für das Komitee. An dieser Stelle bin ich euch eine kleine Erklärung schuldig. Jede Comunidad hat eine Vigilanten, einen medizinischen Helfer. Dieser hat eine kleine Ausbildung hinter sich, z.B. einen erste Hilfe Kurs, auch wird er einmal im Monat von uns über verschiedenste medizinische Sachen, wie z.B. Fieber, informiert. Er koordiniert auch die Brigadas mit uns und ist der Ansprechpartner für die Leute des jeweiligen Dorfes. Von der Fiesta habe ich nur den Tanz zum Schluss mitbekommen, davor haben wir zu siebt 3 Stunden für fast 70 Personen Pollo Encocado gemacht, eine Sauarbeit, weil wir dafür 15 Kokosnüsse geschält und zerstückelt haben. Viele Zahlen;) Bin so froh dass ich mich mit meiner Subcentro Familie so gut verstehe. Gestern bin ich spontan auf eine andere Fiesta gegangen, zu der mich ein Vigilante eingeladen hat. Also erstmal eine Stunde Fußmarsch durch den herrlichen Nebelwald, eine kalte Dusche auf einer Plattform außerhalb des Hauses, dann nochmals ne halbe Stunde Fußmarsch in der Stockfinsterste Nacht zum Haus eines Nachbars, cercita, claro, aber daran hab ich mich ja schon gewöhnt. Die Fiestas sind hier teilweise sehr seltsam. Die Leute saßen erstmal drei Stunden, meist stumm, ganz an die Wand gerückt auf der Bank und haben Löcher in die Luft gestarrt. Danach wurde eine Stunde ein Heiliger geehrt, und danach eeeendlich ertönte laute Musik. Hier wird ausschließlich paarweise getanzt, woran ich mich erstmal gewöhnen musste. An die aufdringliche Art der Männer habe ich mich noch nicht gewöhnt. Die erste Frage ist, noch vor der Frage nach dem Namen, estas soltera? Und selbst wenn ich manchmal lüge und sag dass ich verheiratet bin (so was wie einen Freund gibt es hier in der Vorstellung der Menschen nicht), wird nicht locker gelassen, weil dieser ist ja weit weg und das zählt ja nicht. All diese Herausforderungen werden mich nur zu einer stärkeren Frau machen. Jetzt sitze ich völlig übermüdet nach drei Stunden schlaf vor dem Bildschirm und hoffe dass es euch allen im verschneiten Deutschland (?) gut geht, ich genieße hier brütende Hitze und Sonnenschein. Wie gut dass es bis auf ein paar Blinklichter keine Anzeichen auf Weihnachten gibt, so hab ich nicht zu sehr Heimweh. Sunday, December 14. 2008FamilientragödieDieser Eintrag ist schon etwas älter, hab immer meinen Flash vergessen wenn ich mal Internet hatte.... also. Nun bin ich seit drei Tagen wieder in La Y und hab einen Haufen ungeplanter Dinge erlebt. Merke wie glücklich mich mein Leben hier macht, und würde am liebsten noch viel länger hier bleiben… Momentan erschüttert La Y eine kleine Familientragödie. In einer Familie hat eine Mutter versucht sich vor ein paar Monaten mit Insektengift das Leben zu nehmen. Nun ist ihr Sohn mit 26 Jahren durch einen Unfall im Wald verunglückt, eine Sache die hier häufig Todesursache ist. Auch ich kenne die Familie, und bin mit der Tochter befreundet. Hier ist es üblich, neun Tage, danach nach einem Monat, nach sechs Monaten usw. dem Toten zu gedenken. Die Familie hat mich gefragt, ob ich auch teilnehmen möchte. Zusammen sind wir also nach Quininde gefahren, zu zwanzigst stehend auf der Ladefläche eines Autos, durch die wunderschöne Landschaft, erfrischende Kühle im Gesicht. In Quininde sind wir zuerst in einen Gottesdienst gegangen. Was bei uns Kirche ausmacht, die Musik und die Töne, wird hier auf Tonband gespielt, selbst das Geräusch von Kirchenläuten. Danach sind wir ins Haus der Familie gegangen, haben köstliche selbstgemachte heiße Schokolade getrunken und geredet. Im selben Raum befanden sich neun Stufen, über die ein weißes Tuch gelegt wurde. Hier wurden Kerzen, Fotos und Blumen aufgestellt. Um Punkt 12 Uhr nachts haben wir gemeinsam gebetet, das Licht ausgemacht, und Menschen haben angefangen den Altar abzuräumen. Eine Frau ist vor Emotionen umgekippt. Danach haben wir einen Mitternachtsschmaus zu uns genommen (Hühnchenfleischsuppe mit Yucca) Um drei Uhr morgens sind wir erschöpft und durchgefroren wieder in La Y angekommen. Ich war sehr berührt, dass ich Teil dieser Zeremonie sein durfte. Am nächsten Tag hat eine Kommunion hier in der Kirche stattgefunden. Auf dem Altar stand die heilige Maria, an ihrem pinken Gewand klebten Dollarscheine. Im Hintergrund leuchtete Weihnachtsbeleuchtung im Sekundentakt, Schleifchen aus Klopapier bedecken die sonst so kalt wirkenden Glühbirnen, riesige Insekten surrten durch die Luft. Die sonst so kahle Kirche war herrlich kitschig geschmückt. Nach der Kommunion sollte die Dorffiesta stattfinden, auf die ich mich schon lange gefreut habe. Der Todesfall hat einen Schatten auf meine Vorfreude geworfen. Ich weiß nicht, ob es ein unbeschriebenes Gesetzt ist, oder ob es wirklich irgendwo steht, aber nach einem Todesfall wird ein Monat lang nicht getanzt. Dennoch haben die Kirchmitglieder und Organisatoren des Festes ironischerweise darauf bestanden, dass die Fiesta stattfindet. Die Freunde der Familie, darunter auch ich, haben beschlossen, aus Respekt vor dem Verstorbenen nicht zur Fiesta zu gehen. Am nächsten Morgen bin ich um acht Uhr aufgewacht, die Musik läuft immer noch, die Leute sind immer noch am feiern. In derselben Nacht gab es im Subcentro einen Notfall, den ich schlicht weg verschlafen habe. Der Mann der Familie hat versucht, sich mit Gift das Leben zu nehmen. Soviel zur Familientragödie. Hab in den letzten Tagen viel in der Praxis beobachtet, Lungen abgehört, Bäuche abgetastet. Gerade bin ich dabei durch Trockenübungen zu lernen, wie man Wunden vernäht. Ich finde die Arbeit sehr spannend und lerne jeden Tag etwas Neues. Heute hatten wir einen weiteren Fall des Parasiten "Leishmaniasis", gar nicht so weit von hier. Hoffe dass ich selbst nicht an Leishmaniasis erkranken werde. Thursday, December 11. 2008Über das Monster in der Lagune
Die Lagune ist ein wunderschöner See ca. 30 Minuten zu Fuß vom Subcentro. Schon oft bin ich morgens alleine zur Lagune gelaufen, um die Landschaft und die Stille zu genießen. Nur darin zu schwimmen hab ich mich noch nicht getraut, da ich immer ein ungutes Gefühl hatte, und jetzt weiß ich auch warum. Seit mehreren Monaten sprechen viele Fischer davon, dass es ein 6 Meter langes Tier in der Lagune gibt, welches sich gegen Boote schmeißt um diese zu kentern.
Nun ja, ich bin kein Hollywoodfilm-Freak und wollte mich dadurch nicht verunsichern lassen, das Leben hier ist für viele Menschen sehr eintönig und Geschichten wie diese eine willkommene Abwechslung. Da nun aber viele verschiedene Menschen ähnliche Erlebnisse hatten, bin ich ein wenig verunsichert. Ich habe mit einem Biologiestudenten gesprochen, und es gibt hier tatsächlich Riesenschlangen, Anakondas. Es kann sich jedoch auch um den Fisch handeln, der 2 Meter lang werden kann, und teilweise Extremitäten isst. Vor einiger Zeit hat sich ein Forscherteam mit dem Lagune befasst, und diesen Fisch im Kleinformat entdeckt. Sie haben gesagt, dass diese Form in einigen Jahren sehr groß und gefährlich werden kann. Ich weiß nicht wie viel ich davon glauben soll, aber ich glaube ich werde es dabei belassen, die wunderschöne, tiefdunkle und unbekannte Lagune, die nun noch geheimnisvoller erscheint, vom sicheren Ufer aus zu betrachten, wird mir doch ein wenig zu bunt! Blick auf die Lagune Wednesday, December 10. 2008Guardia, mein erster richtiger Patient
Zu Beginn eine außergewöhnliche Nachricht: In meinem Dorf La Y gibt es nun Internet! Empfangen werden die Wellen über eine Antenne eines Handys!
Die letzten Tage saß ich viel beim Doktor Andres im Sprechzimmer und habe viel gelernt. Wir hatten einen Patienten dem ein Schmetterling ins Ohr geflogen ist. Ich wollte lernen, wie man Wunden vernäht, und nachdem ich die Knoten viele Male trocken geübt hatte, und etliche hässliche Machetenwunden gesehen habe, die jedoch von der Krankenschwester oder vom Arzt genäht wurden, hieß es, den nächstes Patienten vernähst Du! Schluck. Ich muss sagen, dass ich schon viele tote Menschen gesehen habe, im Anatomiesaal Medizinstudenten beobachtet habe, aber dennoch wurde mir jedes Mal ein wenig mulmig in der Magengegend wenn jemand mit einem offenen Handgelenk oder ähnlichem zu uns kam. Wie glücklich war ich, als der nächste Patient ein Hund namens Guardia war, der in eine Machete reingelaufen ist, und eine offene Wunde über dem rechten Schulterblatt hatte. Es war schwierig zu nähen, weil die Haut dicker und widerstandsfähiger war als ich dachte, aber überraschenderweise bin ich ganz ruhig geblieben und mein Magen auch. Mit vielen kleinen Schritten werde ich immer sicherer. Bin so froh, dass ich hier die Möglichkeit habe, so viel zu lernen, um so dann herauszufinden ob dies wirklich zu mir passt. Kann mir momentan aber nichts anderes vorstellen! Tuesday, November 25. 2008Cuenca, Kunst und KirchenAls letzte Station bin ich alleine mit Anu, der Biologiestudentin aus Finnland, nach Cuenca gereist, da die anderen weiter nach Peru sind. Wir sind mit dem Taxi gefahren (4 Stunden für 7 Dollar) und sind auf der Strecke durch einige Indigenadörfer durchgefahren. Dieser Kulturkreis schneidet sich nicht die Haare und trägt traditionelle Kleidung. Cuenca gefällt mir mehr als Quito, weil ich mich dort sehr sicher gefühlt habe. Dies liegt eventuell daran, dass viele Leute hier unglaublich rassistisch sind und keine Wohnungen an Leute aus der Provinz in der ich arbeite, Esmeraldas, also hauptsächlich Menschen mit dunkler Hautfarbe, vermieten. An solche Tatsachen muss ich mich erstmal gewöhnen, und ob mir deshalb die Stadt sicherer vorkommt, kann ich nicht sagen. Es gibt viele wunderschöne alte Kirchen mit bunten Kuppeln, die teilweise auf ursprünglichen Inkagebäuden gebaut wurden. Hier reihen sich kleine Läden mit Schmuck und Kunst aneinander. Wir Mädels haben die Gelegenheit genutzt, ein wenig einkaufen zu gehen. Wer von meiner Meerschweinchenaktion geschockt war - Anu und ich wollten in der Uni essen, um uns ein wenig unter die Einheimischen zu mischen. Also haben wir das Mittagsmenu bestellt, das laut der Bedienung vegetarisch ist. Ja, es enthielt kein Fleisch, dafür aber eklige Schweinehaut, eine weitere Spezialität hier, baahhh. Es hat teilweise sehr geregnet, deshalb haben wir einen Museumsmarathon (6 Museen in einem Tag) hingelegt, und unter anderem das Museum für die Geschichte der Medizin besucht, wo man allerlei seltsame Instrumente bestaunen konnte. Momentan bin ich in Quito und habe gestern hier eine Privatführung von dem Direktor des Medizinmuseums hier in Quito bekommen, weil dieser auch gleichzeitig Präsident der Organisation foundation human nature ist. Am Mittwoch, wenn hoffendlich alles mit meinem Visum unter Dach und Fach ist, werde ich meine Reise nach Hause, nach La Y, antreten. Monday, November 24. 2008Vilcabamba, die HippiestadtNach Loja ist die Gruppe sehr geschrumpft, letztendlich waren wir noch vier Reisende, die voller Abenteuerlust in die Hippiestadt Vilcabamba, ein wenig weiter im Süden Lojas, gereist sind. Vor vielen Jahren sind viele Besucher hier hergekommen, um den San-Pedro-Kaktus zu probieren, was eine schamanische Reinigungszeremonie ist. Heute erinnert dieses Dorf immer noch an die Hippiezeit, da ich jeden Tag ohne Probleme vegetarisches Essen finden konnte. Auch hier, wie in vielen Städten Ecuadors, findet man einen rechteckigen Marktplatz, der von alten Kolonialgebäuden umgeben ist. Hier haben wir am Sonntag einen Markt vorgefunden, in dem selbstgemachter Schmuck verkauft wurde. Ich habe mich lange mit einer Deutschen unterhalten, die genau wie ich einen Freiwilligendienst hier gemacht hat, aber seit drei Jahren nicht mehr zurückgekehrt ist. Hab dabei deutlich meine deutsche Mentalität gespürt als ich folgende Fragen gestellt habe: Ist das nicht ein wenig unsicher, wenn du nie genau weißt wie viel Du verdienen wirst? Wie machst Du das, wenn Du alt bist? Wie gibst Du Deinen Kindern Sicherheit? Blablabla... Ganz bin ich also immer noch nicht angekommen. Am nächsten Tag sind wir auf dem Cerro Mandango gewandert, ein seltsam eckiger Berg, von dem man eine unglaubliche Aussicht über die umliegenden Berge hat. Die raue kalte Sierra gefällt mir sehr. Hatte das Bedürfnis laut zu schreien, weil es so schön war (erinnerst Du Dich an den Frühlingsschrei in Schweden Lea? So ähnlich...). Thursday, November 20. 2008Die sauberste Stadt EcuadorsDie erste Station unserer Reise, nach einer ungemütlichen 12stündigen Fahrt, war die sauberste Stadt Ecuadors mit dem Namen Loja. Hier hat die Biologiekonferenz stattgefunden, an der ich auch teilnehmen durfte. Es war teilweise ein bisschen schwer für mich, alles zu verstehen, da mein Vokabular dazu noch nicht ganz ausreicht. Jeder der mich ein bisschen besser kennt, weiß dass ich eine Leidenschaft für Biologie habe, und mich deshalb in den vielen spannenden Vorträgen total verloren habe. Es wurde z. B. über die Problematik der Erhaltung des Regenwaldes gesprochen. Einen Vormittag haben wir "blau" gemacht und sind im Nationalpark in der Nähe wandern gewesen. Es war so herrlich mit Biologiestudenten zu wandern, die jedes Insekt und jede Pflanze genau untersucht haben und mir vieles geduldig erklärt haben. Auf dem Weg bin ich insgesamt vier plattgefahreren Schlangen begegnet, eine davon hatte ein schönes Schachbrettmuster (gelb-schwarz) auf der Unterseite. Wir hatten teilweise einen grandiosen Ausblick über die Sierra und die umliegenden Berge, haben Riesenfrösche gesehen und es sehr genossen in der traumhaften Landschaft zu wandern. Der Professor für Botanik der Universität Quitos ist mit uns unterwegs gewesen, um einerseits Vorträge über traditionelle medizinische Heilkräuter zu halten, aber auch, um den botanischen Garten mit einer umfangreichen Orchideenausstellung in Loja mit uns zu besuchen. Er hatte zu jeder Pflanze etwas zu sagen, und ich hab viele Pflanzen, die für mich hier ein neues Lebensmittel darstellen, in Natura gesehen. Dazu gehört die leckere, etwas sauer schmeckende Frucht: Tomate de arbol, und die Yuccapflanze, die man hier mit der Kartoffel in Deutschland als Grundnahrungsmittel gleichsetzten kann. Zum Thema Essen: Auch wenn mir das jetzt hier keiner glauben wird, ich hab Meerschweinchen gegessen. Beweisfotos gibt es hoffendlich bald. Das Fleisch hat sogar ganz gut geschmeckt, weil es kaum Fett enthält. Die Haut ist aber so Gummihaft dass ich während des Kauens viel Zeit hatte, über meine Haustiere nachzudenken und dann ist mir doch recht schnell der Appetit vergangen. Nun bin ich um eine Erfahrung reicher;). Abends sind wir zu einem Konzert gegangen und haben danach noch bis spät in die Nacht getanzt. Tanzen ist eine wunderbare körperliche Abwechselung, da ich sonst mich viel während der Vorträge so geistig konzentrieren musste. Wednesday, November 19. 2008Eine kleine Gruppe von Biologiestudenten und ich haben einen großen TraumIch bin momentan in Quito und werde heute Abend mit einer kleinen Gruppe von Biologiestudenten nach Loja, einer Stadt ganz im Süden Ecuadors, reisen. Dort werde ich in der Uni Vorträge über verschiedene Projekte der Biologiestudenten hören. Außerdem werde ich einen Nationalpark besuchen, darauf freue ich mich sehr. Die Gruppe mit der ich reise, hat ein Projekt im Naturschutzpark in Bilsa, welcher zirca drei Stunden zu Fuss von meinem Dorf La Y entfernt ist. Die Studenten wollen ein neues Projekt durchführen. Sie werden Regenwald kaufen und dort Forschungsprojekte durchführen, um weitere Gebiete des Regenwaldes zu kaufen. Ich bin begeistert von der Idee. Und ich werde, wenn das Projekt hier ins Rollen gekommen ist, von Deutschland aus nach Freiwilligen an der Uni suchen, die hier mithelfen wollen. Momentan diskutieren wir viel, wie wir dies durchsetzten können - mal schauen wie sich alles entwickelt. Tuesday, November 18. 2008Ein kleiner Gedanke
Oft habe ich mich in La y sehr passiv gefühlt, weil ich überwältigt von der Gleichgültigkeit und dem Mangel an Bildung der Menschen war. Und ich hatte teilweise das Gefühl, dass meine Arbeit nutzlos ist und habe mich dann teilweise dazu entschlossen, die Dinge zu akzeptieren. Nach meinem Erlebnis im Regenwald möchte ich aber dafür kämpfen, dass auch noch meine Enkelkinder so etwas Schönes erleben können. Am selben Abend habe ich in dem Buch das ich gerade lese, einen Absatz gefunden, der irgendwie gut gepasst hat. Das Buch heist "The History Of Love", die Autorin Nicole Krauss:
"...Looking at his reflection in the dark window, Litvinoff believed something had been peeled away and a truth revealed to him: He was an average man. A man willing to accept things as they were, and, because of this, he lacked the potential to be in any way original"... Dazu: Ich habe mich dazu entschlossen für das, was ich für wichtig halte zu kämpfen und mich nicht treiben zu lassen. Blick auf La Y Saturday, November 15. 2008Tag 5 der Brigada: Pure ErschöpfungDer Rückweg war eine einzige mentale Übung für mich. Ich wollte auf jeden Fall durch den Regenwald laufen, war aber wie immer mit Yeisica zusammen viel langsamer als die Gruppe. Wir mussten uns unglaublich bemühen, nicht alleine zurückgelassen zu werden, denn den richtigen Weg im Regenwald zu finden, ist nicht ganz einfach. Ich hab alles aus meinem Körper herausgeholt, was ich konnte und bin so schnell gelaufen, wie es nur ging. Dennoch bin ich einfach nicht daran gewöhnt, im Schlamm zu laufen und wusste oft nicht, welcher Teil der Erde mich tragen würde, und welcher nicht. Am Anfang war ich sehr wütend und verzweifelt, da niemand auf uns gewartet hat, obwohl wir uns so bemühten. Ich habe die ganze Zeit mit meinen Gefühle gekämpft und daran gearbeitet, den Lauf zu genießen und mich nicht von den voraus rasenden Leuten zur Verzweiflung bringen zu lassen. Denn so oft werde ich nicht mehr durch den Regenwald laufen können. Am Ende bin ich entspannt und sehr glücklich eine halbe Stunde nach den Leuten angekommen und war sehr stolz auf mich, dass ich so sehr an meiner Einstellung gearbeitet habe und mich nicht von anderen Menschen habe irritieren lassen. Dies alles soll auf keinen Fall zu negativ klingen, die Brigada war eine der besten Erfahrungen meines Lebens und ich kann es kaum erwarten, das nächste Mal durch den Schlamm zu waten. |
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