Hab mir in den letzten Monaten viel Gedanken über die Arbeit, die ich und andere Freiwillige in La Y und in anderen Orten Ecuadors leisten, nachgedacht.
Denn teilweise hatte ich das Gefühl, das wir die Leute oft zur Passivität erziehen, oder dazu, einfach zu erwarten, dass wir immer geben, ohne das sie etwas dazu leisten müssen. Dies wird auch noch verstärkt, da die ganzen Medikamente wegen der neuen Verfassung umsonst sind. Wie oft haben wir schon Patienten untersucht, die absolut gesund waren, jedoch unbedingt Medikamente haben wollen, wie z. B. Multivitamine. Wenn ich dann versuche zu erklären, dass es doch viel besser wäre, Gemüse und Obst auf der Farm anzubauen, werd ich oft nur desinteressiert angeschaut. Wie sehr vermisse ich Menschen mit Bildung und Inspiration.
Für chronische Krankheiten ist dieses System jedoch hervorragend, weil sich die Menschen sonst die Medikamente nicht leisten könnten.
Ich habe zuvor geschrieben, dass ich Englischunterricht geben wollte, auch wenn viele Leute im Dorf begeistert waren, gekommen ist im Endeffekt nur Eine. Ich habe mehrmals versucht die Menschen für ein wenig Englisch oder Computerunterricht zu begeistern, aber irgendwie ist es doch schwieriger, die Leute ein wenig zu bilden, als ich dachte, weil die Bereitschaft und das Interesse fehlt. Die Kinder meiner Bibliothek lernen aber mit Begeisterung die Zahlen und Farben auf Englisch, es ist also doch nicht alles hoffungslos. Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass es sehr gut ist, das die Menschen hier Kontakt zu Ausländern haben, um so in Berührung mit andersartigen Menschen und ihren Kulturen und Gebräuchen so kommen.
Fatal ist nur, wenn der Freiwillige ein Helfersyndrom hat und sich für alles verantwortlich fühlt. Wenn ich gefragt werde, ob ich einen Brief am PC verfassen kann, weil die Person nicht weiß wie das geht, halte ich es für falsch, die Arbeit zu unternehmen, viel besser finde ich, der Person beizubringen wie es geht, damit die Person das nächste Mal selbstständig schreiben kann. Das Ziel ist ja, dass das Projekt irgendwann unabhängig ist, und wir in anderen Regionen anpacken können.
Hier erfahre ich, wie wichtig und stark die Familienbindungen sind, einer Sache die mir in Deutschland oft fehlt. Ist ein Mädchen schwanger, wird sie immer, entweder von Geschwistern oder von Eltern, unterstützt. Die Familie ist hier das absolut wichtigste.
Auch gibt es hier die Hochnäsigkeit, das Überlegenheitsgefühl, über weniger entwickelte Länder, welches man manchmal in Deutschland vorfindet, nicht. Dafür hat man aber kaum herausfordernde und inspirierende Gespräche. Jedes Land hat seine Vor- und Nachteile. Ich wachse sehr daran.
Ach, zum Thema Desillusion, ich habe vor vielen Wochen so begeistert davon geschrieben, dass ich unbedingt ein Projekt hier aufbauen will, um den Regenwald zu schützen. Ich habe viel mit den Leuten gesprochen und mir ist immer mehr aufgefallen, dass sie sehr träumerisch an die Sache herangehen. Selbst wenn ich es schaffen würde, durch Spenden oder durch Freiwillige Regenwald zu kaufen, brauche ich tatkräftige Leute vor Ort. Kümmert man sich nicht regelmäßig um ein Stück Land hier, wird es letztendlich von fremden Menschen abgeholzt. Entwicklungshilfe und Naturschutz ist um einiges schwieriger als ich es mir vorgestellt habe.